Der Holocaust
Der systematische, staatlich organisierte Mord an sechs Millionen Juden und Millionen anderer durch das NS-Regime zwischen 1941 und 1945. Der größte Genozid der Geschichte.
Verfolgung vor dem Krieg (1933–1939)
Das NS-Regime begann sofort nach der Machtübernahme mit der Verfolgung von Juden. Die Nürnberger Gesetze (1935) entzogen Juden die deutsche Staatsbürgerschaft und verboten Ehen zwischen Juden und Nichtjuden. Die Reichspogromnacht (9.–10. November 1938) sah koordinierte Angriffe auf jüdische Geschäfte, Synagogen und Wohnhäuser in ganz Deutschland und Österreich – 7.500 Geschäfte zerstört, 30.000 Juden verhaftet. Bis 1939 war die Hälfte der 500.000 deutschen Juden emigriert, aber der Krieg hielt den Rest fest.
Der Weg zum Genozid
Die NS-Führung verkündete die Entscheidung, alle Juden zu ermorden, nicht in einem einzigen Moment. Die Politik radikalisierte sich schrittweise. Der Einmarsch in die Sowjetunion (1941) brachte mobile Mordeinheiten (Einsatzgruppen), die etwa 1,5 Millionen Juden in Massenerschießungen töteten. Die Wannsee-Konferenz (Januar 1942) koordinierte den Verwaltungsapparat der sogenannten „Endlösung der Judenfrage".
Die Vernichtungslager
Sechs eigens errichtete Vernichtungslager wurden im besetzten Polen gebaut: Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Sobibor, Belzec, Chelmno und Majdanek. Juden aus ganz besetzten Europa wurden per Bahn in diese Lager deportiert. Bei der Ankunft wurden jene, die nicht arbeitsfähig waren (Ältere, Kinder, Kranke), direkt in die Gaskammern mit Zyklon B oder Kohlenmonoxid geschickt. In Hochbetriebsphasen tötete Auschwitz-Birkenau bis zu 6.000 Menschen täglich.
Das Ausmaß
Sechs Millionen Juden wurden ermordet – zwei Drittel der europäischen jüdischen Bevölkerung. In Polen wurden 90% der jüdischen Vorkriegsbevölkerung (3 Millionen Menschen) getötet. In den Niederlanden 75%, in Griechenland über 80%. Darüber hinaus: 500.000–1,5 Millionen Roma wurden ermordet; 200.000–250.000 Menschen mit Behinderungen im T4-Euthanasie-Programm; Hunderttausende sowjetische Kriegsgefangene, polnische Intellektuelle, Homosexuelle und politische Gegner wurden ebenfalls systematisch getötet.
Täter, Zuschauer, Retter
Der Genozid erforderte die aktive Beteiligung Hunderttausender: SS-Personal, Eisenbahnarbeiter, örtliche Polizisten, zivile Verwaltungsbeamte. Hannah Arendts Begriff der „Banalität des Bösen" – geprägt beim Eichmann-Prozess – beschrieb, wie gewöhnliche Bürokraten durch kleine Akte der Compliance an Massenmord teilnahmen. Einige Nichtjuden riskierten oder gaben ihr Leben, um Juden zu retten (Gerechte unter den Völkern). Die meisten Menschen waren Zuschauer.
Erinnerung und Vermächtnis
Deutschland hat die Holocaustgedenkkultur zu einem zentralen Bestandteil der nationalen Identität gemacht. Holocaustleugnung ist in Deutschland eine Straftat. In fast jeder Stadt gibt es Gedenkstätten; Auschwitz empfängt über 2 Millionen Besucher pro Jahr. Deutschland hat über 80 Milliarden Euro Entschädigung an Holocaustüberlebende und Israel gezahlt. Die Genozidkonvention (1948) und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte entstanden direkt aus dem Holocaust.