Das Atomzeitalter
In 40 Jahren ging die Menschheit vom Nichtwissen über Atome bis zur Zündung stadtvernichtender Bomben. Die schnellste und folgenreichste wissenschaftliche Revolution der Geschichte.
Das Atom entdecken (1895–1932)
Wilhelm Röntgen entdeckte 1895 Röntgenstrahlen. Henri Becquerel entdeckte 1896 zufällig die Radioaktivität. Marie und Pierre Curie isolierten Radium und Polonium – Marie gewann zwei Nobelpreise. Ernest Rutherfords Goldfolienexperiment (1911) bewies, dass das Atom einen winzigen, dichten Kern hat. James Chadwick entdeckte 1932 das Neutron und vervollständigte das Grundmodell des Atoms.
Die Entdeckung der Spaltung (1938)
Otto Hahn und Fritz Straßmann in Berlin beschossen Uran mit Neutronen und fanden Barium in den Produkten – das Atom hatte sich gespalten. Lise Meitner und Otto Frisch lieferten die theoretische Erklärung: Kernspaltung. Frischs Berechnung zeigte, dass die freigesetzte Energie enorm war – entsprechend Einsteins E=mc². Die Nachrichten erreichten Physiker weltweit innerhalb von Wochen.
Das Manhattan-Projekt (1942–1945)
Aus Angst, dass Nazi-Deutschland Atomwaffen entwickle, schrieben Albert Einstein und Leo Szilárd an Präsident Roosevelt. Das Ergebnis war das Manhattan-Projekt – die größte wissenschaftliche Mobilisierung der Geschichte. 130.000 Menschen arbeiteten an 30 Standorten in den USA, Großbritannien und Kanada. Gesamtkosten: 2 Milliarden Dollar (heute etwa 28 Milliarden Dollar).
Trinity und Hiroshima (1945)
Der erste Atomtest, „Trinity", zündete am 16. Juli 1945 in New Mexico. Oppenheimer erinnerte sich an eine Zeile aus der Bhagavad Gita: „Nun bin ich der Tod geworden, der Vernichter der Welten." Drei Wochen später vernichtete Little Boy (Uranbombe) am 6. August Hiroshima und tötete sofort 80.000 Menschen. Fat Man (Plutoniumbombe) vernichtete am 9. August Nagasaki. Japan kapitulierte am 15. August.
Der Kalte-Krieg-Rüstungswettlauf
Die UdSSR testete 1949 ihre erste Bombe und beendete damit das US-Monopol. Die USA testeten eine Wasserstoffbombe (1952, 10 Megatonnen – 500-fach Hiroshima). Bis 1986 erreichte das globale Arsenal seinen Höhepunkt bei 70.000 Sprengköpfen. Mehrere Beinahezwischenfälle kamen der nuklearen Katastrophe erschreckend nahe, darunter die Kubakrise 1962 und Stanislav Petrovs Entscheidung 1983, einen Fehlalarm nicht zu melden.
Zivile Kernkraft
Das erste Kernkraftwerk zur Stromerzeugung war EBR-1 in Idaho 1951. Das erste kommerzielle Werk, Calder Hall in Großbritannien, öffnete 1956. Auf dem Höhepunkt lieferte Kernkraft 17% des weltweiten Stroms. Three Mile Island (1979), Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011) verursachten erhebliche Rückschläge. Eine neue Welle des Kernkraftausbaus ist nun im Gange, getrieben durch Klimasorgen.